Paskalwen

Gelegentliche Texte

Weitgehend Grün

Die Jamaika-Sondierungen sind Geschichte – und das ist gut so. Was nicht Geschichte ist, ist das mediale Dauerfeuer auf die FDP und Parteichef Christian Lindner. Es ist wohl damit zu rechnen, dass es bis zu eventuellen Neuwahlen anhalten wird. Der Beispiele sind Legion:

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Jamaika-Töter

Westdeutsche Allgemeine Zeitung

Viel spricht dafür, dass Lindner und sein Kollege Kubicki von Anfang an keine Verantwortung übernehmen wollten. Sehr viel spricht dafür, dass sie seit Tagen auf ein Scheitern der Gespräche hingearbeitet haben. Das ist nicht clever und konsequent, sondern feige und verantwortungslos.

Kieler Nachrichten

Man hätte darauf kommen können, dass es am Ende ein Freier Demokrat sein würde, der sich die Freiheit nimmt, diese sich mühsam dahin quälenden Sondierungsgespräche zu sprengen: Christian Lindner, dem nichts so zuwider ist wie Gruppenzwang, der schon den Wahlkampf der Liberalen zur Ego-Schau machte und der natürlich auch den großen Knall zu später Stunde als filmreifen Showdown samt knackigem Slogan zu inszenieren wusste. Besser nicht regieren als schlecht regieren. Das hörte sich überzeugend an – ist es aber nicht.

Süddeutsche Zeitung

Ein Mann hat einen Traum. Er will Emmanuel Macron sein oder wenigstens Sebastian Kurz. Er ist aber nur Christian Lindner.

Stern

Christian Lindner erlaubt sich Zockerei mit dem Land

Und dann ist da natürlich noch der ARD-Brennpunkt vom Montag, der mit umgekehrter Front zu einer schmierigen Lobhudelei der eigentlich Schuldigen am Desaster, der Kanzlerin, wurde. Erste Frage von Tina Hassel an Merkel:

Wen begrüße ich: Die geschäftsführende Bundeskanzlerin auf Abruf? Oder die Frau, die es gerade jetzt in Zeiten großer Unsicherheit noch einmal wissen will, ganz egal, was jetzt weiter passiert?

Mit Journalismus hat so eine Einstiegsfrage nur noch am Rande zu tun – ebenso wie das Treiben der als Journalistin getarnten Polit-Aktivisten Frau Slomka vom ZDF, zu der sich hier bereits jemand erschöpfend geäußert hat.

Das alles sind keine Einzelfälle, sondern reflektieren die Bauchposition so manches deutschen Journalisten der öffentlich-rechtlichen Anstalten:

Natürlich gibt es auch Positionen, die deutlich davon abweichen. Sie sind aber offenkundig in der Minderheit.

Nun  muss man sich fragen, was das alles soll, warum eine große Mehrheit im deutschen Journalismus Jamaika in Tränen aufgelöst nachweint und woher der neue Hass auf die Liberalen im Allgemein und Lindner im Speziellen kommt. Die Antwort ist simpel: Im der Branche besteht links-grüne Lufthoheit, und nichts mehr wünscht sich eine tendenzbestimmende Mehrheit in den wichtigen Redaktionen, insbesondere des öffentlich-rechtlichen Funks, als eine Regierungsbeteilung der Grünen Partei. Man ist eben im gleichen Millieu verankert, hält sich für berufen zur Rettung der Welt und  erfreut sich im Berliner Biotop der gleichen, selbst gewählten Isolation vom der wirklichen Leben in diesem Land.

Alles nur eine Verschwörungstheorie? Nein – sondern mit Daten zu untermauern. Zunächst sollte man es kaum für möglich halten – aber es gibt bisher in Deutschland nur eine einzige Studie, die sich auch mit der politischen Einstellung von Politikjournalisten befasst. Sie stammt von 2010. Trotzdem sind die Befunde noch immer übertragbar, wahrscheinlich hat sich die Situation eher noch weiter nach „grün“ verschoben. Diese Studie also zeichnet folgendes Bild der Lage. Gefragt wurden Politikjournalisten, welcher Partei sie am nächsten stehen (nicht nach Mitgliedschaft!):

Erfreulich ist der Anteil bei „keine Partei“. Ansonsten herrscht deutliche Schieflage. Übrigens geben die meisten Befragten an, unabhängig von der Frage nach der Parteineigung politisch links von der Mitte zu stehen. Hier erklären sich die Sympathien für die deutlich nach links abgerutschte CDU und die Kanzlerin.

Die Branche, der „Vielfalt“ eine Art heiliges Wort ist, muss sich aber letztlich fragen lassen, wie es kam, dass der politische Pluralismus in den eigenen Reihen derartig unter die Räder kam.

(Quelle: Lünenborg, Magreth; Berghofer, Simon: Politikjournalistinnen und Journalisten. Aktuelle Befunde zu Merkmalen und Einstellungen vor dem Hintergrundökonomischer und technologischer Wandlungsprozesse im deutschen Journalismus. Berlin, 2010.)

Der falsche Tag

Heute fast vergessen: Die Michelade in Nimes, ein protestantisches Massaker an Katholiken.

 

In Niedersachsen kreist die Politik, um eine neue Koalition zu gebären. Dabei scheint man sich – egal in welcher Konstellation – einig, dem Wahlvolk mindestens eine Wohltat zu gewähren. Ein neuer Feiertag soll es sein. Begründung: Das mit dem einmaligen Reformationstag in diesem Jahr war ja so fein, und außerdem habe Niedersachsen ohnehin erheblich weniger Feiertage als die katholischen Bundesländer im Süden.

Nun ist dies eine so absurde und abseitige Idee, daß man sie so schnell wie möglich wieder begraben sollte. Denn was ist ein Feiertag? In der Menschheitsgeschichte sind sie entstanden, weil eine religiöse oder politische Gemeinschaft ein vergangenes Ereignis durch Verzicht auf Arbeit ehren wollte. Das schlagendste Beispiel ist hier der Shabbat: Juden ehren den Ruhetag Gottes, den dieser nach dem Schöpfungsakt einlegte und damit die Schöpfung und Gott an sich. Heute dagegen sucht man sich ein Ereignis, das man zum Feiertage machen könnte – schlicht um weniger arbeiten zu müssen und vermeintliche „Ungerechtigkeiten“ auszugleichen.

Mit dem Reformationstag hat sich die Politik zudem noch einen widersinnigen Anlaß ausgesucht. Den 31. Oktober zum Dauerfeiertag zu machen hieße, den zweifelhaften Gründungsmythos der Evangelischen Kirche staatlich besonders zu würdigen. Zum einen ist der angebliche Thesenanschlag Martin Luthers eine Konstruktion, ihn hat es so nie gegeben. Zum anderen würde hier dem Konfessionalismus gehuldigt: Es geht nicht um einen Feiertag, der christliche Glaubensinhalte würdigt, es geht um die Gründungserzählung einer Separatgemeinschaft, der staatlicher Segen zuteil würde. Muß man das Katholiken, Agnostikern oder Atheisten wirklich antun? Heute muß es weniger Religion im öffentlichen Raum geben – nicht mehr.

Zudem kann man über die Meriten Luthers und der Reformation insgesamt durchaus geteilter Meinung sein. Ja – der Mann hat die Bibel ins Deutsche übersetzt, wenn auch keineswegs als erster. Und ja – Luther war ein Antisemit, der an Hexen glaubte und Frauen, denen dieser Vorwurf gemacht wurde, am liebsten getötet hätte. Luther, der durch die staatliche Kanonisierung des Reformationstages ins Zentrum des Gedenkens gerückt würde, war in Wirklichkeit kein großer Geist, auch wenn er bisweilen lustige Aphorismen von sich gegeben hat.

Die Humanisten der Renaissance im katholischen Rom oder Florenz haben mit Sicherheit ein helleres Licht für den menschlichen Geist entzündet als die deutsche Reformation. Denn diese schuf brutalen protestantischen Fanatismus und Dogmatismus, finstere Despotien wie die des Reformators Calvin in Genf und zum unguten Schluß ein Ungetüm wie die „Deutschen Christen“. Während Papst Julius in Rom Michelangelo protegierte, vernichteten aufgehetzte Protestanten in Deutschland in Bilderstürmen unersetzliche Kunstschätze. Während in Rom der Petersdom in göttlicher Schönheit wuchs und in Paris die wundervolle katholische Kirche Saint-Étienne-du-Mont entstand, übermalten Protestanten Fresken und zertrümmerten gotische Madonnen. Der Millionen Toten der Kriege im Gefolge der Reformation sowie des intoleranten, lebensfeindlichen und freudlosen Geistesgefängnisses, zu dem der Protestantismus im 19. und frühen 20. Jahrhundert wurde, sei ebenfalls gedacht. Nein – der „Reformationstag“ ist nichts, was es zu feiern gilt.

Aber es gibt doch einen Tag, der es verdient, ein Feiertag zu sein: der 9. November. Er beleuchtet als gleichzeitiger Jahrestag des Mauerfalls, der antisemitischen Pogrome von 1938 und der Novemberevolution von 1918 das Janusgesicht der deutschen Geschichte. Dieser Tag erinnert daran, wohin Despotie und Fanatismus führen und was die Freiheit bedeutet – und es wäre ein säkularer Gedenktag, der diesem Land gut tun würde.