Paskalwen

Gelegentliche Texte

Richtig! Sie ist ja auch noch da…

Es ist eine lästige Erscheinungen, die Corona über Deutschland hereinbrechen lässt: Es merkelt wieder. Selbst wer die Phrasen der Kanzlerin kaum mehr ertragen kann, ist gezwungen, sich ihre Reden anzuhören  – die Lage macht halt es nötig.

Für Merkel machte es ebenfalls die Lage notwendig, im TV vor das Volk zu treten. Das hat jedoch nur vordergründig mit Corona zu tun. Es geht in Wirklichkeit darum, den Kanzler-Nimbus wieder herzustellen. Markus Söder und selbst Jens Spahn sind dabei, ihr als rührige Krisenmanager die Show zu stehlen. Und wenn die Deutschen auf die ungleich härter getroffenen Österreicher wegen deren Kanzler Sebastian Kurz  neidisch sind, die „Bild“ gar meint: „So einen brauchen wir auch!“ – ja dann ist das Erbe, die Erzählung über Merkel-Deutschland in den Geschichtsbüchern in Gefahr! Als muss man selbst noch einmal ran!

Und so brach es dann über uns herein.

Es war die jederzeit zu erwartende Mischung aus Superlativen („größte Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg“), aus immer wieder Gehörtem („Virus verlangsamen“), hausmütterlichen Handlungsanweisungen („vielleicht mal wieder Briefe schreiben“), Beteuerungen („die Lebensmittelversorgung ist gesichert“), Beschwichtigungen („Wir sind eine Demokratie. Wir leben nicht von Zwang“) und Gestochere im Nebel („Werden als Regierung stets neu prüfen…“).

Was es nicht war: Mitreißend oder startegisch. Wer Merkels Rede gelesen hat und in den vergangenen Tagen nicht im Tiefschlaf war,  für den war das alles nichts Neues. Für eine angeblich so große Herausforderung war es aber eben auch bei weitem nicht die dafür angemessene Blut-Schweiß-und Tränen-Rede.

Das Ganze lässt einen vielmehr eher ratlos zurück – und es vermittelt trotz der Worte von Demokratie und Partizipation das Gefühl, die Kanzlerin sieht ihre Bürger als unmündige Kinder: Es ist auch ein in jeder Hinsicht paternalistischer Text.

In einem hat Angela Merkel aber recht: Es kommt auf jeden Einzelnen an. Jeder muss jetzt für sich entscheiden, wie er sich schützen kann und wie er die Krise zu überstehen gedenkt. Dabei sollte man nicht dem Fehler verfallen, etwa in Bausch und Bogen dem zu vertrauen, was da regierungsamtlich gesagt wird. Wie so oft in Krisen aber auch im normalen Leben und sogar in Spielen gilt: Misstrauen rettet. Vertrauen bringt Verhängnis. Also: Augen auf, und der Regierung aufmerksam auf die Finger geschaut! Zum Beispiel hier: Noch immer landen in Deutschland Flugzeuge aus dem Virenschleuderland Iran – und die Insassen werden nicht getestet. Obwohl Gegenteiliges versichert war.

Merkels Rede ist aber auch ein Text, der eben nicht die Frage beantwortet, welche Strategie diese Regierung genau verfolgen will. Wenn die Sache so ernst ist, warum dann nicht Ausgangssperren jetzt? Wer die Kommunikation der Regierung in den vergangenen Tagen beobachtet hat, dem dürfte klar sein: Es wird noch dicker kommen. Die Freiheiten in diesem Land werden noch mehr eingeschränkt werden.

Das hätte Merkel so deutlich sagen müssen, und daran ist sie gescheitert.

Die Merkel-Rede zum Nachlesen: 100-20-Fernsehansprache BK’in Merkel

Deutsches Pandämonium: Im Moment kein Wort zu Thüringen

Schon heute Morgen wurde ich mehrfach gefragt, warum ich denn nichts zu Thüringen schreiben würde. Das wäre doch ein so wichtiger Vorgang.

Das stimmt.

Aber im Moment – ich weiß nicht, wie lange dieser Moment andauert – werde ich tatsächlich keinen Text zu diesen Vorgängen schreiben. Angesichts des hysterisch tobenden Pandämoniums, das sich deutsche öffentliche Meinung schimpft, ist nämlich jeder Buchstabe ein verschwendeter.

Angesichts (aber nicht nur):

– gänzlich ahistorischer Buchenwald- und Auschwitz-Insinuationen an die Adresse von FDP, CDU und einzelner Politiker

– von Gerede über „Dammbruch“ und dem „Ende der Demokratie“, weil ein FDP-Mann zum Ministerpräsident gewählt wurde

– historisch unhaltbarer aber weithin unwidersprochenen gebliebener Vergleiche der Ministerpräsidentenwahl in Thüringen mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933

– sexuell konnotierter Ad-Hominem-Angriffe aus der SPD-Bundestagsfraktion

– einer rasend gewordenen Öffentlichkeit, für die in weiten Teilen jede vom Mainstream-Narrativ abweichende Ansicht und Interpretation „Nazi“ ist und folglich diejenigen, die sie vorbringen, zu menschlichem Abfall degradiert werden

und

– eines ahistorischen, opferignorante aber dafür umso intensiver laufenden Weißwasch-Programmes für die umbenannte SED

muss man heute vielmehr über den Zustand der sich demokratisch nennenden Öffentlichkeit, der Parteien sowie Inhalt und Formen der Debatte nachdenken.

Heute  zur Sache zu schreiben, einzuordnen, zu interpretieren, zu analysieren und zu kommentieren ist ob des Zustandes der deutschen Öffentlichkeit verschwendeter Atem.