Paskalwen

Gelegentliche Texte

Wie Syriens “Rebellen” uns manipulieren

Zu meinem letzten Leitartikel in der Nordwest-Zeitung haben mich einige Pöbeleien erreicht. “Putin-Versteher” war noch milde, “Mörder-Freund” spielte im Mittelfeld. Insbesondere ging es um folgende Passage, in der ich auf die “Rebellen” und ihre Propaganda eingehe:

Dabei handelt es sich doch bei denen (den Rebellen) um Halsabschneider und brutalisierte Islamisten mit ausgeprägten Vernichtungsfantasien. In Europa fällt man trotzdem willig auf Bilder und Texte aus ihrem Propagandaarsenal herein, obwohl es oft keinerlei Belege für Authentizität gibt.

Der Deutsche möchte eben gern glauben. Hat er sich eine “Meinung” gebildet – in diesem Fall über die edlen Freiheitskämpfer in Aleppo – wird er nicht gern in dieser erschüttert. Unter anderem hieß es in den Pöbeleien, ich solle doch mal nachweisen, daß es – wie ich in der Tat im Leiter unterstelle – aus den “Rebellen”-Gebieten das gibt, was man heute modisch Fake-News nennt.

Das mache ich doch gern!

Ich habe mir also einmal eine (!) Stunde Zeit genommen und bin auf die Suche gegangen. Es war nicht schwer. Hier folgen also nun fünf Beispiele von dreisten “Rebellen”-Fälschungen, auf die ich in dieser Stunde gestoßen bin. Alle Übersetzungen aus dem Arabischen stammen von mir. Sämtliche Übersetzngsfehler gehen also auf mein Konto.

Fall 1: Vietnam liegt nicht in Syrien

Am 14. Dezember wurde über das Twitterkonto eines Arabers (vermutlich aus der Golfregion) folgendes Bild verbreitet:

Der Text des Tweets lautet:

Dieses Bild erschlägt mich. Hier versteckt sich keine Katze vor dem Tod, sondern ein Mensch wie Du und ich, ein Kleinkind, das unter seinen Leuten starb. #Aleppo_vernichtet

In der Tat liegt da ein Kind im Rinnstein. Allerdings, und das weiß man, wenn man schon einmal in Aleppo war – die Bordsteine sehen dort anders aus. Dieser Widerspruch ist schnell zu klären, denn das Originalbild zeigt kein sterbendes Kind in Aleppo, sondern ein im Elend lebendes Mädchen in Vietnam. Es wurde von einer etwas desperaten vietnamesischen Bilderseite geklaut und dann bearbeitet.

Die Wirkung dieser Fälschung ist enorm – 5600 Mal wurde nur allein der Originaltweet geteilt.

Fall 2: Islamisten-Hollywood

Diese Fälschung ist besonders dreist. Hier wurden nicht etwa Bilder in einen anderen Zusammenhang gestellt oder bearbeitet – nein, hier wird fiktionaler Stoff als Realität verkauft. Wiederum auf Twitter wurde am 13. Dezember über einen arabischen Account dieses Bild geteilt. Der Text ist diesmal auf Englisch verfasst:

Hier stimmt nichts – weder das Mädchen ist echt, noch die Leichen und schon gar nicht handelt es sich um Syrien. Vielmehr sehen wir den Libanon – und ein Musikvideo. Das Bild ist einer Version eines Videos der libanesischen Sängerin Hiba Tawaji entnommen. Der Song stammt von 2014, das Video enthält modifizierte Szenen, aber der Betrug wird doch überdeutlich. Man beachte auch die Diskussion um die inzwischen schon mehfach aufgefallene Fälschung unter dem Youtube-Video:

 

Fall 3: Auch Pakistan liegt nicht in Syrien

In diesem Fall geht es darum, Menschen anzuschwärzen und zu delegitimieren, die von den “Rebellen” nicht so viel halten und in der syrischen Zentralregierung ihr Heil suchen. Kurz nach der Rückeroberung Aleppos durch die Assad-Armee kursierte dieses Foto auf Twitter. Im Text wurde es so interpretiert, als ob ein Regierungsanhänger in Mitten von Leichen über die vollständige Eroberung der Stadt juble:

Der Text des Tweets lautet:

Für wen feiert er den Sieg … Glückwunsch an dieses Geschwür #Aleppo

Diese Fälschung ist besonders dreist, denn sie verfälscht nicht nur den Ort der Aufnahme, sondern auch die Emotion des Abgebildeten. Es handelt sich nämlich um ein Bild aus Pakistan. Am 27. Dezember 2007 wurde in der Stadt Rawlapindi die Politikerin Benazir Bhutto bei einer Wahlkampfveranstaltung von islamistischen Terrioristen getötet. Der Attentäter schoss zuerst in die Menge, dann sprengte er sich in die Luft. Das Photo zeigt einen Mann unmittelbar nach dem Anschlag. Er klagt verzweifelt über die Toten.

 

In vielen Fällen ist der Ursprung eines solchen missbrauchten Bildes aber nicht mehr nachzuvollziehen. Arabische Nachrichtenfälscher scheinen dabei eine besondere Vorliebe für bestimmte Sujets zu haben, die sie bei Bedarf für ganz unterschiedliche Gelegenheiten einsetzen.

Fall 4: Gaza oder Aleppo oder keins von beidem?

Besonders blutige Leichenbilder erfreuen sich in der islamistischen Propaganda seit Jahr und Tag besonderer Beliebtheit. Das gilt vor allem, wenn es sich um Kinder handelt. Da es aber offenbar nicht genügend echte Bilder von den entsprechenden Schauplätzen gibt, recycelt man eben, was man hat. Wie in diesem Beispiel. Auf Twitter verbreitet am 13. Dezember und mehr als 2000 Mal geteilt, ist völlig unklar, wo dieses Bild herkommt, zudem scheint Fotoshop eine nicht unwesentliche Rolle gespielt zu haben (trotzdem Unkenntlichmachung von mir):

Der Text lautet:

Keine Entschuldigung für die Hässlichkeit dieses Bildes #SaveAleppo #Aleppo_vergewaltigt #Aleppo_ausgerottet

Mit Sicherheit stammt auch dieses Photo nicht aus dem Aleppo des Jahres 2016, taucht es doch schon ein Jahr zuvor auf Twitter auf. Damals verbreitete es ein antiisraelischer Account, der behauptete, es sei in Gaza aufgenommen und zeige Folgen eines israelischen Luftnagriffs von 2014. Ob das stimmt, ist mindestens stark zweifelhaft.

Fall 5: Vielleicht Syrien, sicher nicht Aleppo 2016 und schon gar nicht Gaza

Ähnlich liegt dieser Fall – wieder zur Hochzeit der Kämpfe um Aleppo am 13. Dezember über Twitter verbreitet, und wieder fleißg geteilt. Hier könnte es sich sogar um ein Bild aus Syrien handeln. Das legt der weiße Helm des Mannes rechts nahe, der zur “Hilfsorganisation” der “Weißhelme” gehören könnte:

Der Text lautet:

Oh Gott, mit Deiner Ehre, Deiner hohen Majestät, Deiner Macht und Stärke, oh Gott, bitte hilf unseren Brüdern in Aleppo #Aleppo_ausgerottet

Das gleiche Bild kursiert mindestens schon seit Januar 2015 – und zwar wieder einmal als angebliches Dokument aus Gaza. Auch die rumänische Zeitung “Telegraf” brachte es damals unter der Überschrift “Wahllose Angriffe der israelischen Armee in Gaza”:

Diese Beispiele ließen sich beliebig fortsetzen.

Fazit: Wer in einem Bürgerkrieg irgendetwas unabhängig nicht Bestätigtes glaubt, steckt schon bis zur Halskrause im “Postfaktischen”, denn er  hat sich gegen alle Logik dazu entschieden, es glauben zu wollen. Das Gefühl hat dann den Verstand besiegt.

Vier Flaschen israelischer Wein

Wer den Charakter eines Volkes kennenlernen will, der sollte sich mit seinen Sicherheitsorganen beschäftigen. Hier leben sich die Gene des Nationalcharakters nämlich in der Regel am unverfälschtesten aus. Das gilt natürlich auch für Deutschland. In diesem Land enthüllen sich bei derartigen Begegnungen gelegentlich bestialische Unterströmungen, die schaudern lassen. Wer das nicht glaubt, sollte nur einmal versuchen, mit vier Flaschen israelischen Weins über den Flughafen München einzureisen und von dort einen Anschlussflug zu nehmen. Er wird ein blaues Wunder an Ignoranz, Anmaßung, Unverschämtheit und lustloser Frechheit erleben.

Steigt man am Franz-Josef-Strauß-Aiport aus der Israel-Maschine, hat man die weltweit strengsten Kontrollen am Flughafen Tel Aviv anstandslos bestanden. Da hat keine Bombe eine Chance, und auch die Einkäufe im flughafeneigenen Weinladen sind nur später einmal für den ungetrübten Blick in die Welt gefährlich. Das System am Ben-Gurion-Flughafen ist so ausgeklügelt, dass die Israelis aus gutem Grund auf gewisse Schikanen und fragwürdigen sicherheitstechnischen Hokuspokus verzichten, wie er in Europa und Deutschland üblich ist. In Israel schert sich kein Mensch darum, ob irgendein Passagier eine Flasche Wasser, Cremetuben oder eben Wein-Flaschen durch die Kontrollen bringt. Das Zeug wird durchleuchtet. Fertig.

Anders in Deutschland. Anders in München. Da muss man, um seinen Anschlussflug zu erreichen noch einmal durch die Sicherheitskontrolle. Andere Flughäfen lösen das eleganter. Der Befehlston ist in München zudem einmalig, erlebens- und hörenswert. Das mag auch daran liegen, dass schnarrendes Bayerisch ein abstoßendes Geräusch ist. Kommt das dann auch noch aus dem Mund eines dicken Mannes, dessen Hemd farblich nicht zur sackartigen Hose passt, dessen Bart nachlässig gepflegt ist und dessen gesamter Habitus nur tiefste Verachtung für die Spezies “Reisender” vermittelt, dann möchte man schreiend dorthin fliehen, wo man eben herkam. Doch man muss an dem Untier vorbei.

- Die Gestalt eröffnet in Halbsätzen dem Reisenden, dass man hier ein Problem habe.
- Wieso? Ist es verboten, Wein aus Israel einzuführen?
- Nein, das sei es nicht. Die Flaschen befänden sich nicht in einem verschlossenen, durchsichtigem Beutel. Deswegen fielen sie der Konfiskation anheim.

Die Plastiktüten aus dem Zollfrei-Laden in Tel Aviv sind in der Tat rot und nicht verschweißt.

- Hier ist aber auch die Rechnung, die zeigt, dass alles im Sicherheitsbereich gekauft wurde!
- Nein. Völlig egal. Spielt keine Rolle. Und dann: “Die wollen ja nur Geld machen, die Israelis!”
- Wie – “Geld machen?” Weil sie auf durchsichtige Tüten verzichten? Weil sie Wein verkaufen? Weil sie überhaupt da sind?

Der Dicke will sich nicht erklären. Er schnaubt.
Die Flaschen seien entweder bei ihm abzugeben oder am Schalter ins Gepäck aufzugeben.

- Gut – machen wir, wenn es sein muss. Wo ist der Schalter und wie lange dauert das erfahrungsgemäß?
- Keine Ahnung, das sei ihm auch völlig egal.

Inzwischen ist der bayerische Gorilla laut geworden und seine Augen beginnen unter dem Kassengestell aus den Höhlen zu treten. Wir sollten uns nicht so anstellen, schließlich warteten noch andere Passagiere. Ende der Diskussion! Hinter der Barriere mischt sich nun auch das Kontrolleurs-Fußvolk ein. Man mache das ja nicht zum Spaß. Man habe sich das ja nicht selbst ausgedacht. Das seien ja alles Vorschriften aus Brüssel, ruft ein kleiner Kerl mit Schnauzer und Glatze quer durch den Raum. Er rudert wie eine Windmühle mit den Armen und vergisst seinen “Kunden”, der mit ausgestreckten Armen und ohne Schuhe vor ihm steht.

Das kennen wir alles. Dieses “wir tun ja nur unsere Pflicht”. Dieses “wir erfüllen ja nur die Gesetze”, das sind genau die Ausreden und Scheinargumente, die einst DDR-Grenzer bemühten, wenn sie Reisende kujonierten oder Flüchtlingen in den Rücken schossen. Das hier ist das gleiche Denken, die gleiche niedere Gesinnung.

Inzwischen beginnt sich, eine Art Oberaufseher für das Geschehen am Schalter Nummer eins zu interessieren. Mitte 30, Bürstenhaarschnitt, gut sitzender Mittelklasseanzug. Nur die schreiend bunt gemustert Kunststoff-Krawatte verrät auf den ersten Blick, dass gewollt noch lange nicht gekonnt ist. Der Mann schiebt den Dicken beiseite, spannt die Kinnmuskeln und beginnt uns erneut über die Unzulässigkeit des Transportes von Flüssigkeiten in undurchsichtigen, unverschweißten Behältnissen zu belehren. Der Akzent ist weniger grausam, dafür das Vokabular reinster Bürokratensprech. Der Mann zieht sich so hinter die Mauern der Vorschriften zurück und verschanzt sich dort. Die Diskussion beginnt erneut, wird lautstark.

- Welche Lösungen gibt es? Der Wein war sehr teuer.
- Das sei ihm völlig egal, interessiere ihn nicht. Wenn wir den Flug verpassten, sei das unser Problem. Er habe hier seinen Dienst zu tun.

Unterdessen wird meine Frau einer Leibesvisitation unterzogen. Die untersetzte, teiggesichtige Kontrolleurin mit dem Metalldetektor herrscht sie an: “Füße hoch!” Der Ton klingt nach Arbeitslager und Gulag. Die Szene dauert inzwischen bereits knapp zehn Minuten, wir sind entschlossen, das ganze eskalieren zu lassen. Doch der schnöselige Oberaufseher hat sich jetzt gefangen.

- Ja, es gebe da noch so eine Möglichkeit. Die koste aber… Es käme eben darauf an, ob es uns das Wert ist. Wir könnte unsere Flaschen hier lassen – sie würden uns nachgeschickt. Sie müssten schließlich “ins Röntgengerät”, fügt er wichtig hinzu. Das sei teuer. Er zückt ein Formular. 12,80 Euro – pro Flasche! Dafür liefert der Weinhändler des Vertrauens 24 Flaschen quer durch Deutschland. Wer will hier eigentlich “Geld machen”? Unser Flug wartet, also stimmen wir zu. Der Schnösel ist froh, uns los zu sein.

Wie wäre nun diese Situation in zivilisierten Ländern gelöst worden? Etwa so:

- Oh, wir haben da ein Problem. Es tut uns sehr leid, aber wir können Sie mit diesen Flaschen nicht ins Flugzeug lassen. Es tut uns leid, Ihnen Unannehmlichkeiten zu bereiten. Wir haben da aber eine Lösung für Sie, die wir Ihnen anbieten können. Lassen Sie sich doch einfach alles nachschicken. Das ist ein Service, den wir in solchen Fällen anbieten. Vielleicht auch noch der vertrauliche Hinweis, das man ja selbst diese Vorschrift nicht glücklich findet. Schon wäre der Ton entschärft und die Situation fast schon ins Positive gedreht worden.

Deutsche Bürokraten, deren Gene noch aus dem Obrigkeitsstaat stammen, sind dazu jedoch offenkundig unfähig. Kein Wunder, dass sich immer mehr Deutsche über die Diskrepanz zwischen den Predigten der Politik über Bürgernähe und Demokratie und der täglich erlebten brutalste möglicher Durchsetzung von Regeln und Gesetzen aus dem Geiste realitätsentwöhnter Schwachköpfe wundern. Es steht zu fürchten, das es nicht beim Wundern bleibt.

Die Geschichte von vier Flaschen israelischen Weins am Flughafen München ist also letztlich nur ein Symptom umfassender politischer Dekadenz. Niemand soll glauben, dass diese ungestraft bleibt.