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Gelegentliche Texte

Worte wie Projektile (3) – „Respekt“

So viel Konflikt war selten: In Deutschland bilden sich politische Fronten, wie noch nie nach 1945. Carl Schmitt würde sich bestätigt fühlen – die Freund-Feind-Kategorien ist jetzt Maßstab alles Redens und Handelns. Es geht nicht darum, den anderen zu überzeugen. Es geht darum, ihn zum Schweigen zu bringen. Hier werden Begriffe zu Waffen. Scharf aufgeladen sind sie die tödlichen Projektile an der Front des geistigen Bürgerkriegs. Heute: „Respekt“.

„Respekt“ verlangt heute jeder Hühnerdieb. Ob Kevin oder Justin, ob Ali oder Ahmed – selbst wenn sie mit einem Bein im Jugendknast stehen – „Respekt“ fordern solche  Figuren immer ein. Nur – warum soll man ihnen Wertschätzung, Anerkennung, Aufmerksamkeit oder Hochachtung entgegenbringen? Ausschließlich weil sie existieren?

Das ist natürlich Unfug. Der Respekt vor einem Menschen oder auch einer Institution bemisst sich völlig natürlich nach den Handlungen. Wer sich ehrlos verhält, verdient keinen Respekt. Eine Institution, die Menschen Schaden zufügt ebenso wenig. Während aber selbst Menschen, die jeden Respekt verspielt haben, ihre ihnen natürlich zustehenden Menschenrechte behalten, sieht das im übertragenen Sinne im Falle von Institutionen ganz anders aus. Zum Sturz oder zur Auflösung derartiger Einrichtungen darf man mit gutem Recht aufrufen, sich um ihre Beseitigung bemühen.

In der politischen Debatte hat „Respekt“ jedoch eine völlig andere Bedeutung erlangt. Wer „Respekt“ für irgendetwas oder irgendjemanden fordert, will ihn heute in aller Regel von jeglicher Kritik ausnehmen. Als „respektlos“ wird dann im Gegenzug jegliche Kritik an Taten oder Eigenschaften gebrandmarkt. „Respekt“ ist in der Politik so etwas wie ein Naturschutzzeichen geworden: Es wird überall dort angenagelt, wo man Tabus schaffen will – sei es bei der Einwanderung, sei es in der Genderideologie, sei es in der Hartz-IV-Diskussion, sei es bei der Kritik an Parteien oder staatlichen Einrichtungen oder religiösen Praktiken. Besonderes letzteres ist sehr in Mode, wenn es um den Islam geht.

Allerdings funktioniert die Sache mit dem „Respekt“ ausschließlich als Einbahnstraße. Dem politischen Gegner wird man nämlich in der Regel keinen „Respekt“ erweisen, sondern ihn darf man nach Lust und Laune bekämpfen, diffamieren und verunglimpfen. Das gilt übrigens für alle politischen Richtungen gleichermaßen und insbesondere für die Extreme. Der Neonazi wie der Antifa-Schläger fordert „Respekt“ für sich, seine Gruppe und deren Überzeugungen. Wer außerhalb steht, hat den nicht zu erwarten – nicht einmal den Respekt seiner körperlichen Unversehrtheit, der selbst dem verworfensten Übeltäter und ehrlosesten Schweinehund zusteht.

Merke: Wer in der politischen Welt „Respekt“ fordert, will in der Regel ein Tabu schaffen. Die Forderung nach „Respekt“ ist defensiv und gleichbedeutend mit dem Verlangen einen Vorgang, eine Institution oder einen Akteur mit Kritik zu verschonen, ein Tabu zu etablieren. Wird dir Respektlosigkeit vorgeworfen, bist du oft auf dem richtigen Weg zur Wahrheit. Wird „Respekt“ gefordert, lohnt es in der Regel, eine weitere Breitseite abzuschießen. Hier ist die Festung bereits morsch.

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Worte wie Projektile (2) – „Hass“

So viel Konflikt war selten: In Deutschland bilden sich politische Fronten, wie noch nie nach 1945. Carl Schmitt würde sich bestätigt fühlen – die Freund-Feind-Kategorien ist jetzt Maßstab alles Redens und Handelns. Es geht nicht darum, den anderen zu überzeugen und mit seinen Argumenten eines Besseren zu belehren. Es geht darum, ihn zum Schweigen zu bringen. Hier werden Begriffe zu Waffen. Scharf aufgeladen sind sie die tödlichen Projektile an der Front des geistigen Bürgerkriegs. Heute: ,,Hass“

Will man heute einen politischen Gegner nachhaltig erledigen, gehört es zum guten Ton, ihm „Hass“ vorzuwerfen. Im hippen Links-Milieu ist er dann ein „Hater“ und verdient die Höchststrafe: Ausschluss aus der Debatte – nicht wegen der Argumente, sondern wegen des Etikettes.

Dabei ist Hass im Grunde etwas ur-menschliches, bedeutet das Wort doch nichts anderes als eine leidenschaftliche Ablehnung, ein starkes Gefühl der Gegnerschaft. Es ist eben Unfug zu fordern, der Mensch hätte sich zu allem und jedem einer positiven Attitüde zu befleißigen. Dieser christliche Imperativ ist so religiös-naiv wie unmenschlich.

Das gilt insbesondere für das Politische. Natürlich ist es erlaubt und für die Klarheit einer Position auch notwendig, sich von anderen Haltungen abzusetzen. Stehen diese der eigenen völlig entgegen, ist auch Hass legitim. Warum soll man als Liberaler Nazis oder Kommunisten nicht hassen? Und was Personen angeht: Warum soll man Stalin und Mao, Hitler und Mussolini, Honecker und Castro nicht hassen? Alle diese Figuren lieferten gute Gründe dafür, dies möglichst ausgiebig zu tun.

Im Übrigen weiß auch die politische Linke in Deutschland – zu deren Arsenal der Hass-Vorwurf vorzugsweise zählt – ganz genau um die mobilisierende Wirkung politischer Abneigung und bedient sich ihrer. Hierher gehört der Hass auf „Nazis“, der Klassenhass des Marxismus und auch der kampagnenartig geschürte Hass gegen ausgewählte Gruppen – heute die Banker, morgen die Hausbesitzer und übermorgen die Bauern. Das führt zu paradoxen Erscheinungen, wie sie jüngst in Berlin zu erleben waren und sich etwa in dieser Twitter-Nachricht materialisierten.

 

 

Völlig klar: Hass ist erlaubt, wenn nur die ideologisch richtigen gehasst werden. In dieser Hinsicht ist „Hass“ – wie auch „Hetze“ ein Gummibegriff, der objektiv nicht zu fassen ist, sondern nur im Auge des Betrachters existiert. Ebenso wie „Hetze“ ist er darüber hinaus geeignet, den „Hater“ in die Nähe des Kriminellen zu rücken, denn der Begriff „Hass“ erscheint auch im Volksverhetzungsparagraphen.  Der Bundesgerichtshof beschrieb „Hass“ 1994 als „eine gesteigerte, über die bloße Ablehnung oder Verachtung hinausgehende feindselige Haltung gegen den betreffenden Bevölkerungsteil.

Merke: „Hass“ und „Hater“ sind Projektile, die den Gegner aus der Debatte schießen sollen. Sie sind Etiketten, die einmal aufgeklebt, den Träger als anathema markieren. So wenig wie „Hetze“ ist auch „Hass“ objektiv fassbar. Fallen diese Begriffe, schaue man also besonders gründlich hin. Hinter der Nebelwand verbirgt sich oft Bedenkenswertes.

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