Paskalwen

Gelegentliche Texte

Sie sind die Grüne Garde

 

Dem Morgenrot entgegen,
Ihr Kampfgenossen all!
Bald siegt ihr allerwegen,
Bald weicht der Feinde Wall!

Für zwei satirische Posts zu den Freitagsdemonstrationen jugendlicher Klimatiker (einer hier) bin ich teils heftig kritisiert worden. Die Argumente dieser Kritik waren durchaus bezeichnend für das erste Viertel des 21. Jahrhunderts und erfordern eine grundsätzliche Antwort:

1. Es sei doch prima, wenn sich junge Leute endlich einmal politisch engagierten. Das habe man doch immer gewollt.
2. Es sei doch großartig, da es hier um ein Thema ginge, das extistentiell für die Welt sei.
3. Man solle doch bitte die jungen Menschen nicht kritisieren, denn das könnte sie in ihrer Aktivität entmutigen.
4. Es sei löblich eine solche Zivilcourage zu zeigen. Das habe man lange nicht mehr erlebt.
5. Es sei wirklich gemein, sich über diese gutwilligen jungen Menschen lustig zu machen.

Darauf ist zu sagen:

Politisches Engagement als solches ist zunächst weder grundsätzlich gut noch grundsätzlich schlecht. Es kommt darauf an, worum es geht. Genau hier liegt der Hase im Pfeffer. In Wirklichkeit haben wir es bei dieser „Bewegung“ mit einer klassischen Abnabelungshandlung von den Älteren und Eltern zu tun. Dabei ist diese Art von politischem Aktionismus jedoch nur ein Scheinwiderspruch zur Welt der „Alten“. Wer da demonstriert, nimmt zum einen die technischen Errungenschaften der Alten gern in Anspruch. Er erfreut sich am Wohlstand, den sie erarbeitet haben und zu dem er selbst noch nichts beigetragen hat. Das Wort von der #langstreckenluisa kommt eben nicht von ungefähr.

Es beschreibt treffend die pubertäre Hybris, die sich in solchem Handeln verbirgt, und auf die jederzeit hinzuweisen ist. Vielleicht lernen die jungen Leute ja daraus. Kritiklose Zustimmung nämlich bringt niemals Erkenntnisgewinn. Der entwickelt sich nur im Widerspruch. Und da kommt es eben auch darauf an, sich mit solchen Fragen zu befassen, statt zu krakeelen:

Erkenntnisfördernder Widerspruch ist es auch, wenn man das Jungvolk darauf stößt, dass ihr vermeintlicher Widerstand ganz im Gegenteil hochkonformistisch ist. Wofür es da demonstriert, ist in einem Teil der Gesellschaft längst quasireligiös verankert. Es rennt in politisch mächtigen Segmenten der deutschen Gesellschaft offene Türen ein und wird im Übrigen als nützlicher Idiot missbraucht. Dass sich niemand von diesen angeblich so politischen jungen Menschen wundert, warum Leute wie Robert Habeck (Grüne) oder Stephan Weil (SPD) so auffallend intensiv ihre Nähe suchen, enttarnt die unterstellte politische Reife als Pseudoreife.

Ihre Aktionen haben daher auch nichts, aber auch gar nichts mit „Zivilcourage“ zu tun, wie das Habeck formulierte. Es ist vielmehr risikoloser Gratismut, der zu mutigem Aktivismus verklärt wird. Das mag traurig für das Selbstwertgefühl sein, ist aber die korrekt beschriebene Realität.

Es ist eben doch ein massiver Unterschied, ob man heute gegen oder für etwas auf die Straße geht, was im Großen und Ganzen – zumindest in einem sehr mächtigen politischen Segment – unumstritten ist, oder ob man etwa als junger Mensch in der DDR oder während des Dritten Reiches echten Widerstand gegen ein Regime geleistet hat. Es empfiehlt sich da das Studium der Geschichte der Edelweißpiraten, der Leipziger Meuten oder auch der Jungen Gemeinden in der DDR. Hier hat ganz klar der Geschichtsunterricht versagt. Wenn heute Witzchen über das organisierte freitägliche Schulschwänzen schon als böse, schlimme und unfaire Kritik gesehen werden, zeigt das, mit welch einer Schneeflöckchen-Generation wir es zu tun haben. Austeilen ja. Einstecken nein. Viel Gejammer. Wenig Standfestigkeit, sehr wenig robuste Widerstandskraft. Kein Wunder bei alle der Verhätschelung in der westdeutschen Wohlstandsgesellschaft.

Das Versagen des Geschichtsunterrichtes, eine historische Perspektive zu etablieren, spiegelt sich auch in den geradezu maßlosen Vergleichen und Vorstellungen wider. Da ist etwa die Rede von der „größten Krise der Menschheit“ aller Zeiten. Nun – da fehlt der Goldenen Jugend des Jahres 2019 die Vorstellung, was Weltkriege, die Shoah, die mörderische kommunistische Herrschaft oder auch der mittelalterliche Mongolensturm bedeutet haben.

Im Grunde ist das alles ja massiv Angst getrieben, wie so viele dieser Bewegungen in der alten Bundesrepublik. Was gab es da nicht alles: saurer Regen, Waldsterben, Tschernobyl, Nachrüstung. Jedes Mal stand die Apokalypse vor der Tür, jedes Mal „streng wissenschaftlich“ begründet, und jedes Mal waren diejenigen, die dem apokalyptischen Endzeitglauben nicht anhingen, kriminelle Ketzer.

Die ,,Bewegung“ erinnert zudem an eine grün lackierte und (noch) harmlosere Variante der chinesischen Roten Garden. Die waren etwa im gleichen Alter und wollten auch eine Utopie errichten. Am Ende, nachdem sie Angst und Schrecken gesät hatten,  mussten sie erkennen, dass sie missbraucht wurden. Da war es aber schon zu spät.

Worte wie Projektile (4) – „Solidarität“

So viel Konflikt war selten: In Deutschland bilden sich politische Fronten, wie noch nie nach 1945. Carl Schmitt würde sich bestätigt fühlen – die Freund-Feind-Kategorien ist jetzt Maßstab alles Redens und Handelns. Es geht nicht darum, den anderen zu überzeugen. Es geht darum, ihn zum Schweigen zu bringen. Hier werden Begriffe zu Waffen. Scharf aufgeladen sind sie die tödlichen Projektile an der Front des geistigen Bürgerkriegs. Heute: ,,Solidarität“

„Solidarität“ ist in der Gesinnungsterminologie eines der am meisten missbrauchten Worte. Das gilt auch für die Umkehrung. Wer als „unsolidarisch“ gebrandmarkt wird, ist damit praktisch aus der Gemeinschaft der Rechtschaffenen ausgeschlossen.

Dabei ist Solidarität im Grunde eine wirklich gute Sache. Sie bezeichnet letztlich die auf Gemeinschaftsgefühl begründete gegenseitige Unterstützung von Mitgliedern einer Gruppe. Der deutsche Soziologe Alfred Vierkandt hatte das bereits 1928 erkannt. Er beschrieb damals „Solidarität“ als „die Gesinnung einer Gemeinschaft mit starker innerer Verbundenheit“ als das „Zusammengehörigkeitsgefühl, das praktisch werden kann und soll“. Grundvoraussetzung war für Vierkandt allerdings absolute Freiwilligkeit.

Was bei Vierkandt analytisch daherkommt, entwickelte sich auf der Linken zu einem Popanz, der mit der mit der Umdeutung des Wortes einher ging. Der Irrsinn wurde dabei so weit getrieben, dass man den Begriff teilweise regelrecht sexuell auflud. In der DDR war davon die Rede, „Solidarität“ sei die „Zärtlichkeit der Völker“. „Solidarisches Verhalten“ bezeichnete im Jargon des K-Gruppen-Milieus in der Regel die unbedingte Unterstützung der Führung einer politischen Gruppe. „Unsolidarisch“ war das Geschoss, mit dem man innere Kritik erledigte. Das funktioniert auch heute noch – zum Beispiel in der SPD.

Jedoch ist heute „Solidarität“ vor allem ein moralisch aufgeladener Euphemismus für „Enteignung“.  Wenn  X von Y „Solidarität“ fordert, meint das in der Regel, Y soll gefälligst etwas von seinem Eigentum abgeben – und zwar an diejenigen, die X als Empfänger festlegt. X nimmt dabei eine vermeintlich moralische Position ein, denn wer sollte jemanden nicht als einen von den „Guten“ betrachten, wenn er doch Gemeinschaftsgeist und Gemeinschaftssinn fordert? Er müsste ja ein Unmensch sein.

So ist viel vom „solidarischen Grundeinkommen“ die Rede. „Solidarisch“ wäre daran, dass diejenigen, die ihren Lebensunterhalt mit Arbeit verdienen, auf Teile ihres Einkommens verzichten, um diejenigen zu versorgen, die nicht arbeiten wollen. Dabei wird das wichtigste Merkmal echter Solidarität außer Kraft gesetzt: die Freiwilligkeit, die sich aus innerer Verbundenheit ergibt.

Auf Freiwilligkeit basiert nämlich keine dieser Ideen, die da als „solidarisch“ gerechtfertigt werden. Das zeigt sich auch bei einem der größten Ärgernisse in diesem Land: dem „Solidaritätszuschlag“. Diesen zwangsweisen Aufschlag auf die Einkommenssteuer gebar die pure Not, nicht innere Verbundenheit der West- mit den Ostdeutschen. Letztere üben übrigens seit Beginn an Solidarität mit sich selbst, denn auch sie zahlen den „Soli“ – was im Westen gern übersehen wird.

Weiteres Beispiel: die „solidarische Lebensleistungsrente“, die heute Grundrente heißt. Wer nicht genug in die Rentenkasse eingezahlt hat, soll trotzdem etwas aus ihr bekommen. Bezahlen müssten das – unfreiwillig – Beitrags- und Steuerzahler. Wenn die SPD-Chefin Andrea Nahles also sagt:

„Ich möchte, dass die SPD wieder die Kraft wird für den solidarischen Zusammenhalt unseres Landes.“

Dann meint sie damit in Wirklichkeit umfassende, zwangsweise Umverteilung im Lande. Der Begriff „solidarisch“ ist absurd, denn von freiwilliger, aus innerer Verbundenheit motivierter Unterstützung anderer kann keine Rede sein.

Dabei gilt es zu bemerken, dass die deutsche Linke – also diejenigen, die maßgeblich für die Auflösung traditioneller Bindungen wie Nation, Kirche oder auch Familie verantwortlich sind – nun die in diesen Gruppen zumindest teilweise herrschende freiwillige Solidarität durch Zwangssolidarität ersetzen müssen. Bindungen allerdings lassen sich nicht oktroyieren. Es ist nicht moralisch verwerflich, kein Zusammengehörigkeitsgefühl mit einem afghanischen Asylbewerber zu empfinden und keine Solidarität mit ihm zu üben. Warum auch? Hier sollte man sich kein schlechtes Gewissen einreden lassen.

Merke: Wer in der Politik heute von „Solidarität“ redet, meint damit keine freiwillige gegenseitige Unterstützung. „Solidarität“ bemäntelt moralisch einen Akt der Enteignung, einen Akt der Gewalt. Wer zur „Solidarität“ aufgefordert wird, erhält in Wirklichkeit eine Ermahnung, sich widerstandslos enteignen zu lassen. Damit geht implizit die Drohung einer moralischen Verurteilung bei Widerspruch einher.  Man scheue sich nicht, dies beim Namen zu nennen und sich als „unsolidarisch“ zu bekennen. Die versteckt angedrohte Gewalt wird spätestens in der Reaktion auf dieses Bekenntnis offenkundig werden.

 

Alle Teile der Serie hier entlang.