Sie sind die Grüne Garde

by Alexander Will

 

Dem Morgenrot entgegen,
Ihr Kampfgenossen all!
Bald siegt ihr allerwegen,
Bald weicht der Feinde Wall!

Für zwei satirische Posts zu den Freitagsdemonstrationen jugendlicher Klimatiker (einer hier) bin ich teils heftig kritisiert worden. Die Argumente dieser Kritik waren durchaus bezeichnend für das erste Viertel des 21. Jahrhunderts und erfordern eine grundsätzliche Antwort:

1. Es sei doch prima, wenn sich junge Leute endlich einmal politisch engagierten. Das habe man doch immer gewollt.
2. Es sei doch großartig, da es hier um ein Thema ginge, das extistentiell für die Welt sei.
3. Man solle doch bitte die jungen Menschen nicht kritisieren, denn das könnte sie in ihrer Aktivität entmutigen.
4. Es sei löblich eine solche Zivilcourage zu zeigen. Das habe man lange nicht mehr erlebt.
5. Es sei wirklich gemein, sich über diese gutwilligen jungen Menschen lustig zu machen.

Darauf ist zu sagen:

Politisches Engagement als solches ist zunächst weder grundsätzlich gut noch grundsätzlich schlecht. Es kommt darauf an, worum es geht. Genau hier liegt der Hase im Pfeffer. In Wirklichkeit haben wir es bei dieser „Bewegung“ mit einer klassischen Abnabelungshandlung von den Älteren und Eltern zu tun. Dabei ist diese Art von politischem Aktionismus jedoch nur ein Scheinwiderspruch zur Welt der „Alten“. Wer da demonstriert, nimmt zum einen die technischen Errungenschaften der Alten gern in Anspruch. Er erfreut sich am Wohlstand, den sie erarbeitet haben und zu dem er selbst noch nichts beigetragen hat. Das Wort von der #langstreckenluisa kommt eben nicht von ungefähr.

Es beschreibt treffend die pubertäre Hybris, die sich in solchem Handeln verbirgt, und auf die jederzeit hinzuweisen ist. Vielleicht lernen die jungen Leute ja daraus. Kritiklose Zustimmung nämlich bringt niemals Erkenntnisgewinn. Der entwickelt sich nur im Widerspruch. Und da kommt es eben auch darauf an, sich mit solchen Fragen zu befassen, statt zu krakeelen:

Erkenntnisfördernder Widerspruch ist es auch, wenn man das Jungvolk darauf stößt, dass ihr vermeintlicher Widerstand ganz im Gegenteil hochkonformistisch ist. Wofür es da demonstriert, ist in einem Teil der Gesellschaft längst quasireligiös verankert. Es rennt in politisch mächtigen Segmenten der deutschen Gesellschaft offene Türen ein und wird im Übrigen als nützlicher Idiot missbraucht. Dass sich niemand von diesen angeblich so politischen jungen Menschen wundert, warum Leute wie Robert Habeck (Grüne) oder Stephan Weil (SPD) so auffallend intensiv ihre Nähe suchen, enttarnt die unterstellte politische Reife als Pseudoreife.

Ihre Aktionen haben daher auch nichts, aber auch gar nichts mit „Zivilcourage“ zu tun, wie das Habeck formulierte. Es ist vielmehr risikoloser Gratismut, der zu mutigem Aktivismus verklärt wird. Das mag traurig für das Selbstwertgefühl sein, ist aber die korrekt beschriebene Realität.

Es ist eben doch ein massiver Unterschied, ob man heute gegen oder für etwas auf die Straße geht, was im Großen und Ganzen – zumindest in einem sehr mächtigen politischen Segment – unumstritten ist, oder ob man etwa als junger Mensch in der DDR oder während des Dritten Reiches echten Widerstand gegen ein Regime geleistet hat. Es empfiehlt sich da das Studium der Geschichte der Edelweißpiraten, der Leipziger Meuten oder auch der Jungen Gemeinden in der DDR. Hier hat ganz klar der Geschichtsunterricht versagt. Wenn heute Witzchen über das organisierte freitägliche Schulschwänzen schon als böse, schlimme und unfaire Kritik gesehen werden, zeigt das, mit welch einer Schneeflöckchen-Generation wir es zu tun haben. Austeilen ja. Einstecken nein. Viel Gejammer. Wenig Standfestigkeit, sehr wenig robuste Widerstandskraft. Kein Wunder bei alle der Verhätschelung in der westdeutschen Wohlstandsgesellschaft.

Das Versagen des Geschichtsunterrichtes, eine historische Perspektive zu etablieren, spiegelt sich auch in den geradezu maßlosen Vergleichen und Vorstellungen wider. Da ist etwa die Rede von der „größten Krise der Menschheit“ aller Zeiten. Nun – da fehlt der Goldenen Jugend des Jahres 2019 die Vorstellung, was Weltkriege, die Shoah, die mörderische kommunistische Herrschaft oder auch der mittelalterliche Mongolensturm bedeutet haben.

Im Grunde ist das alles ja massiv Angst getrieben, wie so viele dieser Bewegungen in der alten Bundesrepublik. Was gab es da nicht alles: saurer Regen, Waldsterben, Tschernobyl, Nachrüstung. Jedes Mal stand die Apokalypse vor der Tür, jedes Mal „streng wissenschaftlich“ begründet, und jedes Mal waren diejenigen, die dem apokalyptischen Endzeitglauben nicht anhingen, kriminelle Ketzer.

Die ,,Bewegung” erinnert zudem an eine grün lackierte und (noch) harmlosere Variante der chinesischen Roten Garden. Die waren etwa im gleichen Alter und wollten auch eine Utopie errichten. Am Ende, nachdem sie Angst und Schrecken gesät hatten,  mussten sie erkennen, dass sie missbraucht wurden. Da war es aber schon zu spät.